Deindividuation

2.2.3 Deindividuation

Auf der Theorie der Kanalreduktion und den Filtertheorien baut das sozialpsychologische Social Identity Deindividuation Modell der Gruppenpolarisation (SIDE) von Spears und Lea auf (vgl. Spears & Lea 1992: 45 ff.)⁠. Das Modell zeigt die Schritte des Deindividualisierungsprozesses, nach dem zunächst von physischer Isolation während des Kommunikationsvorganges ausgegangen wird. Dies führt zu visueller Anonymität und erhöhter Selbstaufmerksamkeit. Anschließend wird in Abhängigkeit vom Kontext die persönliche oder soziale Identität salient1. Überwiegt situationsbezogen die soziale Identität, steigt die Bedeutung der Kontextgruppe, bei persönlicher Identität, die des Benutzers selbst. Dies entscheidet über die Annahme und das Festhalten an Gruppennormen oder individuellen Normen. Dieser Ablauf wird in der folgenden Abbildung 2.2.1 dargestellt.

Abbildung 2.2.1: Social Identity Deindividuation (SIDE) nach Spears und Lea (1992: 53); Übersetzung nach Köhler (2003: 46)

Die Kanalreduktion, fehlende soziale Hintergrundinformationen und Anonymität machen es dem Individuum einfacher sich der Gruppe zugehörig zu fühlen. Viele individuelle Besonderheiten der Gruppenmitglieder sind nicht sichtbar, wodurch Unterschiede nicht deutlich werden und die Gruppe als homogen erscheint. Eigene Besonderheiten geraten deshalb auch nicht in Konflikt mit den Besonderheiten der anderen Gruppenmitglieder, was die Identifikation mit der Gruppe erleichtert. Die Gruppennormen werden auch nicht aufgrund von Gruppendruck akzeptiert und angenommen. Dies erfolgt aus dem Bedürfnis heraus, sich zu der Gruppe zugehörig zu fühlen und sich entsprechend der kollektiven Identität konform zu verhalten (vgl. Döring 2003: 174)⁠.

Die gleichen Ursachen führen aber auch zum gegenteiligen Effekt. Wird die personale Identität salient, so erschweren die Anonymität und die fehlenden Hintergrundinformationen über die Gruppenmitglieder das situationsbezogene Auffinden möglicher Gemeinsamkeiten (vgl. Döring 2003: 175)⁠.

Bei einer Diskussion übt die saliente Identität ebenfalls Einfluss auf die Haltung der Kommunikationsteilnehmer aus. Ist die Gruppenidentität salient, so folgt die Meinung besonders ausgeprägt der Gruppennorm. Bei salienter individueller Identität weicht diese besonders ausgeprägt von der Gruppennorm ab (vgl. Spears, Lea & Lee 1990)⁠.

Mit SIDE lassen sich Phänomene, die bei den Filtertheorien (vgl. Kap. 2.2.2) auftreten, erklären. Das positive, sozial erwünschte Verhalten tritt dann auf, wenn die Gruppe für den hinzukommenden Kommunikationsteilnehmer an Bedeutung gewinnt, dieser also die Gruppennormen annimmt und an ihnen festhält. Diese Normen können bei der CviK in einer virtuellen Gruppe bzw. Gemeinschaft, z. B. einem Forum, durch die Nutzungsbedingungen oder Netiquette2 festgelegt werden. Ein Verstoß gegen diese Normen kann mit einer vorübergehenden Sperre oder einem Ausschluss geahndet werden. Ist die Salienz der Gruppe verringert, so sind die Konsequenzen nicht bedeutsam und werden billigend in Kauf genommen.

Kritisch kann der Umstand betrachtet werden, dass bei SIDE, wie ebenfalls bei den Filtertheorien, von unbekannten Kommunikationsteilnehmern ausgegangen wird. Kommt es zu CviK durch einen Medienwechsel, sind die Hintergrundinformationen präsent und üben Einfluss auf die Kommunikation aus. Weiterhin wird das Erlangen von Hintergrundinformationen durch die Kommunikation über einen längeren Zeitraum hinweg ebenfalls nicht berücksichtigt.

Anzumerken ist, dass das SIDE Modell nicht nur zur Erklärung von Phänomenen bei der CviK, sondern auch außerhalb der Netzforschung bei Untersuchungen zur Gruppenaggressivität, Anwendung findet. (vgl. Stroebe u. a. 2002: 377)⁠.

1Salienz ist ein sozialpsychologischer Fachbegriff und bedeutet soviel wie Hervorgehobenheit bzw. Aufmerksamkeit lenkende Präsenz (vgl. Wiswede u. a. 2004: 470)⁠.

2Dies ist eine Wortneubildung aus Netz und Etikette und bezeichnet Verhaltensregeln innerhalb der Kommunikationsplattform (vgl. Bell u. a. 2003: 137f.)⁠.

Kaiser, A. (2011): Social Virtuality – Strukturen, Dynamik, Analyse und Simulation in sozialen virtuellen Netzwerken (1. Aufl.). Herzogenrath: Shaker Verlag

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